„Nur schön ist langweilig”
Thomas
Acker, Bogenbauer mit Intuition und persönlichem Stil

Von
Erlangen aus ist es nicht weit ins benachbarte Bubenreuth,
wo der Streich- und Zupfinstrumentenbau immer noch einen
breiten Raum des Wirtschaftslebens einnimmt. Und so kam der
junge Thomas Acker, der sich für Holzbau interessierte, von
seiner Heimatstadt Erlangen hierher, um als Lehrling in
einem Betrieb, der Bögen für Streichinstrumente herstellt,
anzufangen.
Eigentlich,
so sagt er lächelnd, war es nicht sein ursprünglicher Plan,
Bogenbauer zu werden, er, der nicht aus einer Umgebung
stammt, die es mit klassischer Musik und Musikkultur hält.
Man mag von Zufall sprechen, daß Thomas Bogenbauer wurde,
oder von Schicksal. Und ich stelle mir vor, daß es eine
Herausforderung gewesen ist, sich auf eine völlig neue
Materie einzulassen. Nicht nur auf Material und das
Aneignen handwerklicher Geschicklichkeit und Können,
sondern auf die Welt der Streichinstrumente, die Welt der
Musik, der Komponisten, Musiker, mitsamt ihrer Traditionen
und Geschichten. Ein Geigenbogen ist schließlich kein
beliebig gefertigtes Holzteil. Genausowenig ist er
lediglich ein handwerkliches Produkt, sondern vielmehr auch
ein künstlerisches, das Saiten zum Klingen bringt, Musik
zum Leben erweckt. Das, um es pathetisch auszudrücken, eine
Seele besitzt. Und in das, wenn man so will, der Bogenbauer
seine eigene Seele einarbeitet. Thomas, der, nebenbei
bemerkt, mittlerweile nahezu ausschließlich klassische
Musik hört und selbst Cello spielt, drückt es so aus:
„Man wird immer mehr zu dem, was man tut!“
Was
er tut, tut er mit voller Begeisterung und Freude. Das
beweisen nicht nur die Bögen von seiner Hand, sondern auch
seine leuchtenden Augen, wenn er, aufgefordert und befragt,
von seiner Arbeit erzählt. Strahlend und doch voller
Bescheidenheit. Überhaupt scheint er nicht unbedingt jemand
zu sein, der viel redet, sondern ein Mensch, der intuitiv
erfaßt und spürt. Um Spüren und Gespür geht es auch in
seinem Beruf: Das beginnt bei der Auswahl und Beschäftigung
mit dem Holz, und geht über die Bearbeitung des Materials
bis zu dem gefühlsmäßigen Erfassen, welcher Bogen für
welchem Musiker geeignet ist.
Thomas
baut Bögen ausschließlich in Einzelanfertigung. In Serie
stellte er sie lediglich in dem Betrieb her, in dem er
einst Teile seiner Ausbildung absolviert hatte. So lerne
man, im Fluß zu arbeiten, sagt er. Aber diese Zeit, in der
er dreißig bis vierzig Bögen pro Monat entstehen gesehen
hat, ist vorbei. Jetzt baut er im Schnitt drei Bögen pro
Monat, weder Serien noch Kategorien, sondern wirkliche
Einzelstücke, die hin und wieder, vor allem, wenn
gewünscht, von den sogenannten schulischen Vorgaben in
Bezug auf Norm-Maße abweichen. Thomas hat eindeutig
Interesse an Sachen, die aus dem Rahmen fallen, und
außerdem, meint er, mache er nur, was ihm gefällt. Insofern
besitzen seine Bögen vor allem Persönlichkeit und Stil. Der
Begriff „Schönheit“ fällt mir dazu spontan ein,
obwohl die Bögen nicht einfach nur schön sind – denn
das wäre, so Thomas, ja auch langweilig. Nein, sie besitzen
das gewisse Etwas, Feinheiten in der Formgebung, die auf
ihren Bauer hinweisen. So bricht er etwa die Kanten des
Ebenholzes des Frosches, was als eher untypisch zu
bezeichnen ist, aber durchaus seinen optischen Reiz hat,
ganz abgesehen davon, daß es für den Daumen angenehmer ist.
Die Frösche sind abwechselnd Silber oder Gold montiert, oft
finden sich hier künstlerische Spielereien, Intarsien oder
Verzierungen, ganz wie es ihm, dem Bauer, oder natürlich
dem Auftraggeber des Bogens gefällt.
Wie
die meisten seines Faches verwendet Thomas Fernambuk-Holz,
jenes Holz, das aus den Wäldern entlang der brasilianischen
Atlantikküste stammt und sich seit Anfang des 19.
Jahrhunderts als das für den Bogenbau ideale Material
schlechthin durchgesetzt hat. Da der Handel mit Fernambuk
zur Zeit problematisch ist, lagern in Thomas’ Keller
einige Kubikmeter des kostbaren Materials. Farbe und
Gewicht des Holzes lassen ihn bereits zu Beginn der Arbeit
ahnen, was für eine Art von Bogen es werden könnte und wie
lange die Arbeitszeit betragen wird. Wer mit Thomas über
seine Arbeit, vielmehr über seine Passion spricht, spürt
seine tiefe Verbundenheit zu dem Rohmaterial, das durch
seine Feinporigkeit nahezu von selbst spiegelt.
Jeder,
der bei Thomas einen Bogen in Auftrag gibt oder fertig
kauft, kann sicher sein, daß er ein Stück erhält, das ihm
auf den Leib geschneidert ist. Am besten schaut man bei ihm
in seiner Werkstatt in Erlangen vorbei oder trifft ihn auf
Ausstellungen. Er sieht sich dann den Bogen an, auf dem der
Musiker zur Zeit spielt, spricht mit dem Instrumentalisten,
ob er mit dem alten beziehungsweise aktuellen Bogen
zufrieden ist, was er eventuell anders haben möchte.
Außerdem wirft er einen genauen Blick auf den Musiker. Es
geht um das Beobachten des Spiels, die individuelle
Bogenhaltung, das Erfassen, wie der Musiker mit dem
Instrument umgeht, mit der Musik, mit der eigenen
Persönlichkeit. Dann weiß Thomas sehr schnell, was der
Kunde möchte beziehungsweise braucht. Ich als Außenstehende
wage dies zu behaupten, da die Zufriedenheit seiner Kunden
für sich spricht.
Während
der rund zwanzig Jahre, in denen er bereits Bogen baut, hat
sich Thomas nicht nur Erfahrung und Fertigkeit angeeignet,
sondern etwas äußerst Spezielles und Schönes, etwas, das
zwischen ihm, dem Material, der Bearbeitung und dem
fertigen Bogen besteht. Ich möchte sagen, eine Art
Liebesverhältnis.
Karoline
Pilcz